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Bauschuttabfälle – reif für die Insel.

Nebenbaustelle Umwelt

Baustellen nerven. LKW donnern im Wohnzimmer, der Lärm raubt Anrainern den Schlaf und Staub am Fenster ist vorprogrammiert. Alles Mögliche müsste also schon erfunden worden sein, um das Provisorium Großbaustelle so umwelt- und sozialverträglich wie möglich zu halten. Ein Lokalaugenschein in Wien-Simmering bringt Erstaunliches zu Tage. Dort entstehen derzeit geförderte Wohnungen auf der RUMBA-Baustelle Thürnlhof (Richtlinien für umweltfreundliche Baustellenabwicklung). Tatsächlich sind umweltfreundlich abgewickelte Großbauprojekte aber die Ausnahme. Das Einsparen von unnötigen LKW-Kilometern ist möglich, das gute Beispiel folgt aber nicht zwangsläufig auf anderen Baustellen.
Von Franz Greil
Selbst Umweltbewegte assoziieren mit "umweltverträglichem Bauen" bestenfalls "Passivhaus". Verkehrsvermeidung am Bau dagegen ist noch immer ein recht abstraktes Konzept. Im Unterschied zur Speditionslogistik ist die Baustellenlogistik trotz großer Geschäftsumsätze eine unterentwickelte Disziplin. Die harten Zahlen sprechen aber eine andere Sprache. Die Bauwirtschaft verursacht mit 164 Millionen Tonnen rein gewichtsmäßig rund ein Drittel des Straßengüterverkehrs in Österreich. Laut Umweltbundesamt ist die Bauwirtschaft sowohl bei den diffusen Feinstaubemissionen (z. B. Schüttgutumschlag) als auch Dieselabgasen (z. B. Baumaschinen) eine wesentliche Feinstaubquelle. Wenn aber an diesen Gegebenheiten gerüttelt werden soll, spielen schon andere Gründe als Anraineranliegen oder Umweltverträglichkeit eine Rolle.
In Berlin zwang in den 1990er Jahren der Bauboom in Folge der deutschen Vereinigung zu einem Umdenken: Allein das Schuttaufkommen auf der Baustelle Potsdamer Platz hätte einer vierspurigen LKW-Kolonne von Berlin bis Madrid bedurft. Nur der verpflichtende An- und Abtransport mit Bahn und Schiff verhinderte einen Kollaps. Der Bau von Infrastrukturprojekten (z. B. Erweiterung des Flughafen Hamburg) kann aufgrund von Sicherheitsauflagen und Vereinbarkeit mit einem 24-Stunden-Betrieb aus einer betriebswirtschaftlichen Logik heraus eine durchdachte Logistik erfordern. Bessere Transparenz und Qualitätssicherung für den Bauherrn gehen so Hand in Hand mit einem optimierten LKW-Einsatz.

RUMBA LIFE
In Wien war das Projekt RUMBA (Richtlinien für umweltfreundliche Baustellenabwicklung) im Rahmen des EU-Umweltförderprogramms LIFE der Katalysator für eine Verkehr vermeidende Baustellenabwicklung. Im kooperativen Dialogverfahren mit der Bauwirtschaft arbeitete die Gemeinde Wien einen Leitfaden und Empfehlungen an Zielgruppen aus. Zentrale Zielsetzungen waren eine Reduktion der LKW-Fahrten, eine Erhöhung der Verwertungsquote von Bauabfällen durch getrennte Sammlung auf der Baustelle sowie weniger Luftschadstoff-, Lärm- und Lichtemissionen durch den Baustellenbetrieb.
Aus kleineren Vorläuferprojekten (z. B. Kabelwerk in Wien-Meidling oder Mischek-Wohnungen in Wien-Favoriten) flossen die Erfahrungen in das große Demonstrationsprojekt in Wien-Simmering ein. Dort entsteht am Thürnlhof mit 875 geförderten Mietwohnungen und sieben Eigentumswohnungen ein neuer Stadtteil in Kaiserebersdorf. Acht verschiedene Bauträger erhielten 2004 den Zuschlag für die Bebauung eines 42.500 m2 großen Areals. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts Thürnlhof Ost konnte 2007 bei einer vorläufigen Bilanz ein stolzes Ergebnis präsentiert werden. Im Vergleich zum 1994 in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Wohnbauprojekt Wien-Rodaun konnten dort 75 Prozent aller LKW-Fahrtenkilometer und 50 Prozent aller LKW-Luftschadstoffemissionen eingespart werden. Die neuen WohnungsbewohnerInnen müssen aber trotzdem keine spürbaren Mehrkosten für hehre umweltpolitische Ziele zahlen. Denn die direkten Kosten für die zentrale Baustellenlogistik betragen nur 0,25 Prozent der Bausumme! Nicht ganz ermittelbar sind die indirekt erzielten Kosteneinsparungen wie etwa weniger Leerfahrten und Standzeiten bei LKW. Wie kommen solche erstaunlichen Ergebnisse zustande?

BAUSTELLENLOGISTIK
Dreh- und Angelpunkt für die Verkehrsvermeidung ist eine zentrale Baustellenlogistik, durch die eine zentrale Baustellenzufahrt mit Einfahrtskontrolle und Zeitfenstermanagement sowie einer Dokumentation aller Transportvorgänge für den Bauträger durchgeführt werden. Diese Vorrichtung überwacht alle Baustellenverkehre, insbesondere aber den transportintensiven Aushub und die Anlieferung von Fertigteilen und Rohbaumaterialien. Die Vorgabe von "Zeitnischen" für die LKW-Zufahrt verhindert Staus rund um das Baufeld im öffentlichen Straßenraum, aber auch Stehzeiten für den Frachtführer. Bei der Baustelleneinfahrt können aber auch manchmal dem auf der Baustelle unkundigen LKW-Fahrer Routen vorgegeben werden.
Die zentrale Logistikstelle auf der Großbaustelle in Wien-Simmering implementiert aber auch eine Entgeltpflicht für LKW-Fahrten über 15 Kilometer bei Aushub- und zehn Kilometer bei Rohbauarbeiten, die an den Bauträger zu entrichten sind. Weil der Bauherr nicht nur LKW-Fahrten, sondern auch LKW-Auspuffemissionen verringern wollte, verhängte der Bauträger einen hohen Mautzuschlag für alte LKW-Stinker (Erstzulassung vor 2000, schlechter als Euro 3). Dadurch wurde das regionale Güterbeförderungsgewerbe "ermuntert", verstärkt in neue schadstoffarme LKW zu investieren. Das von der Fahrleistung abhängige Pönale muss aber nicht zwangsläufig zu einer Verlagerung auf die Schiene führen. "Konsequenz in Thürnlhof war", plaudert Franz Fahrngruber von der beauftragten Firma Rhenus Logistics aus der Schule, "dass das Aushubmaterial vom Frachtführer eben nicht zur eigenen Deponie gegen Deponierungsgebühr verfrachtet, sondern tunlichst auf der Baustelle selbst zwischengelagert oder auf einer benachbarten Baustelle verwertet wurde." Aber im konkreten Fall "sparten" nicht nur die Verkehrsakteure LKW-Kilometer ein, sondern auch Architekten steuerten zur Verkehrsvermeidung bei. Laut DI Thomas Romm, Projektleiter von raum& kommunikation, wurde durch Anhebung der Kellergeschoße mit gleichzeitiger Lichtdurchflutung mit einem Schlag ein Vielfaches von herkömmlichen Aushubtransporten wegrationalisiert.
Mag. Franz Greil ist Mitarbeiter der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien.