Cover Ausgabe 04 | 2008   eMail   Impressum
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Lokal, Global, ***egal?

In der Zeitung haben Sie einen Artikel über die Macht der KonsumentInnen gelesen. Jetzt wollen auch Sie "bewusst" einkaufen und damit die Welt verbessern, zumindest aber einen Einfluss auf die zukünftige nachhaltige Gestaltung der Landwirtschaft in ihrer Region ausüben. Der Konsum nachhaltig produzierter Lebensmittel ist Ihnen ein Anliegen und Sie machen die Probe aufs Exempel. Vewirrt vom großen Angebot stehen Sie vor dem Kühlregal. Der erste Versuch scheint zum Beispiel bereits beim Kauf der Milch zu scheitern.
Von Markus Schermer
Tatsächlich präsentiert sich im Kühlregal eine riesige Auswahl an
Frischmilch und allein das Studium der verschiedenen Produktbeschreibungen würde Stunden in Anspruch nehmen: Da wird Bergbauernmilch von auf über 1.000 Meter Meereshöhe liegenden Höfen, Frischmilch von silofrei wirtschaftenden Heubauern, garantiert gentechnikfrei produzierte Milch, natürlich auch Biomilch aus Österreich und regionale Milch, die täglich frisch vom Bauern abgeholt und in einer kleinen Molkerei verarbeitet wird, angeboten. Was aber soll man unterstützen, wer soll profitieren? Und, fragen Sie sich vor dem Kühlregal: wollen nicht alle sowieso das gleiche?
In der Regel fallen uns drei ein: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Schürft man aber tiefer, um herauszufinden, was unter diesen drei Begriffen nun genau verstanden werden kann, wird die Angelegenheit schon schwammiger. Am einfachsten und klarsten scheint die Dimension der Ökologie. Umweltgerechte Produktion spart CO2 und schont das Klima. Gemeinhin bedeutet dies auch möglichst kurze Transportwege. Aber bereits diese Annahme kann zu einem Trugschluss führen: Studien haben ergeben, dass zum Beispiel beim Direktbezug von Produkten ab Hof durch die Fahrt vieler einzelner KundInnen mehr CO2 in die Luft geblasen wird, als wenn die Produkte gesammelt in die Stadt gebracht werden würden. Auch die Betriebsgröße der Bauernhöfe spielt dabei eine Rolle. Wenn Milch von vielen kleinen Milchbetrieben gesammelt werden muss wird mehr fossile Energie verbraucht, als wenn sie nur von wenigen Großbetrieben stammt. Zudem wirtschaften große Betriebe – auf die Flächeneinheit bezogen – energieeffizienter als kleine.
Dies kann im Extremfall dazu führen, dass ein Steak vom argentinischen Rind "ökologischer" produziert wird als das eines heimischen Biobauern. So argumentiert beispielsweise Elmar Schlich, Professor für Prozesstechnik in Lebensmittelbetrieben an der Universität Gießen in Deutschland, dass argentinische Rinder permanent auf der Weide gehalten werden und daher keine Stallbauten notwendig sind. Die Rinder werden nicht mit Kraftfutter gemästet und zum Teil sogar von Gauchos auf Pferden bis zum Schlachthof getrieben, von wo die Steaks dann per Schiff nach Europa transportiert werden. Den Berechnungen von Professor Schlich zufolge, verbrauchen Großbetriebe (auch in Europa) auf das Stück Fleisch umgelegt, bis zu fünfmal weniger Energie, als ein "Kleinerzeuger" bei dem weniger als 80 Kühe im Stall stehen. Daraus schließt er: "…von Kleinbetrieben muss der Ökokleber ab".
Aber wäre es wirklich nachhaltig, nur mehr Fleisch aus Massentierhaltung zu kaufen, um das Weltklima zu retten? Die Rechnung zeigt deutlich, dass die Reduktion auf einen Parameter alleine zu falschen Schlüssen führt. Großbetriebe können in einem Land wie Österreich, mit 70 Prozent der Landesfläche im Berggebiet, auf keinen Fall als zielführende Strategie angepriesen werden. Das hat auch die österreichische Agrarpolitik erkannt, die seit Ende der 1980er Jahre versucht, über produktionsunabhängige Förderungen Kleinbetriebe zu erhalten.
Neben der Energieeffizienz müssen also noch andere Faktoren, wie die Erhaltung der Landschaft und einer möglichst hohen Biodiversität oder der Einfluss der Produktionsweise auf mögliche Rückstände unerwünschter Substanzen (wie Schwermetalle) in Produkt und Boden, in die ökologische Gesamtrechnung einfließen. In dieser Hinsicht haben ökologisch wirtschaftende Biobetriebe und extensiv wirtschaftende Bergbauern klar die Nase vorn. Fleisch kann man aus Argentinien importieren, die Kulturlandschaft nicht.
Und schließlich bildet die Kulturlandschaft ja auch die Basis für den wichtigsten Wirtschaftszweig Österreichs, den Tourismus. Womit wir bei der zweiten Dimension der Nachhaltigkeit gelandet wären, der wirtschaftlichen Dimension. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit bedeutet schonender und effizienter Umgang mit natürlichen Ressourcen, um sie auch für zukünftige Generationen zu erhalten.
Die vorrangige Nutzung erneuerbarer Energien und das Denken in geschlossenen Kreisläufen gehört zu den zentralen Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft. Also doch nur Bioprodukte in den Einkaufskorb?

Geschlossene Kreisläufe
Biologische Produktionsstandards lassen eine relativ große Variationsbreite offen. So berichtet die amerikanische Wissenschafterin Julie Guthman in ihrem Buch "Agrarian Dreams", dass in Kalifornien agroindustrielle Großbetriebe auf Teilen ihrer tausende von Hektar großen Flächen auch Biogemüse produzieren, wobei Nützlinge mit dem Flugzeug über diese Flächen gesprüht werden, um den Schädlingsdruck niedrig zu halten. Wenn dies nach einigen Jahren keine Wirkung mehr zeigt und die Fruchtbarkeit der Böden zurückgeht, werden die Flächen aus der Bioproduktion genommen und wieder konventionell bewirtschaftet. Haben sich die Bewirtschaftungsverhältnisse nach ein paar Jahren des Einsatzes der "chemischen Keule" wieder normalisiert, wird erneut auf "bio" umgestellt. Zugegeben ein extremes Beispiel. Die steigende Nachfrage nach Bioprodukten, vor allem in Europa, führt jedoch in vielen Ländern dazu, dass ProduzentInnen alle Möglichkeiten bis an ihre Grenzen ausloten. Zudem werden Bioprodukte in vielen Ländern der Dritten Welt nur für den Export erzeugt und haben wenig mit dem lokalen Landwirtschaftssystem zu tun. Teilweise stammt das Kapital für die Produktion von Lebensmitteln in solchen Regionen von finanzstarken Unternehmern aus Europa, die von den klimatischen Faktoren und den niedrigen Arbeitslöhnen angezogen wurden. Es erhebt sich die Frage, ob derartige Praktiken als nachhaltig bewertet werden können, oder ob sich "bio" letztendlich nur als eine neue Marktnische in der globalisierten Lebensmittelwirtschaft etabliert hat? Die globale Konkurrenz wirkt sich natürlich auch auf den Produktpreis (negativ) aus, der auch heimische ProduzentInnen dazu zwingt, intensiver zu wirtschaften, um konkurrenzfähig zu bleiben. Oft bleiben aus diesen Gründen dann auch die Ideale des geschlossenen Betriebskreislaufes und langer Fruchtfolgezyklen auf der Strecke. Nichtsdestotrotz ist Bioware nicht in allen Bereichen ganzjährig verfügbar, auch wenn sich in jedem österreichischen Supermarkt mittlerweile Bioprodukte aus aller Herren Länder finden. Die Wahl fällt mitunter schwer, wenn es gilt, sich zwischen dem Bioapfel aus Südafrika und dem konventionell produzierten Apfel aus der Steiermark zu entscheiden.
In diesem Zusammenhang wird oft auch die Forderung nach saisonalem Konsum erhoben. Ist es ist wirklich notwendig, dass wir zu Weihnachten Erdbeeren haben müssen?
ao. Univ.-Prof. Dr. Markus Schermer ist Agrarökonom und Agrarsoziologe, Leiter des Instituts für Soziologie an der Universität Innsbruck und Sprecher des interfakultären Forschungsschwerpunktes Berglandwirtschaft.
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