Cover Ausgabe 03 | 2009   eMail   Impressum

Warten auf Schiene

Mit Fahrplanwechsel 2010 werden die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) neuerlich Pendlerzüge einsparen. Das ist schlecht für die PendlerInnen und schädlich für die Umwelt. Die ÖBB-Personenverkehrs-AG würde für attraktive Fahrpläne jährlich sieben Millionen, für eine Offensive im Regionalverkehr rund 50 Millionen Euro brauchen. Budgetmittel, die den ÖBB seit dem Jahr 1999 in Aussicht gestellt, aber nie voll ausbezahlt wurden und die im Vergleich zu einem 100 Milliarden-Bankenpaket keine aufregenden Summen sind.
Von Rainer Juch und Thomas Kronister
Die störungsanfällig Verkehrssysteme sind, zeigte sich am Abend des 28. Mai: Als ein Blitz ins Bahnstellwerk Süßenbrunn einschlägt und Kabelanlagen in Brand setzt, bringt das den Zugverkehr in und um Wien nachhaltig durcheinander. Dabei dürfte der Diebstahl von Erdungsstangen beim Stellwerk den Gesamtschaden für die elektronische Ausrüstung noch potenziert haben. Daraufhin fallen wochenlang Regionalzüge aus, müssen S-Bahnen weiträumig umgeleitet werden, sind über Monate Verspätungen von Wien ins nördliche Umland auf der Tagesordnung.
Zwischenzeitlich ist der größte infrastrukturelle Schaden beseitigt. Es dürfte bis
November technisch wieder alles in Butter sein. Trotzdem werden damit die Probleme im Regionalverkehr der Bahn kaum geringer werden. Hier staut es nicht nur nach Blitzschlag und Stellwerksbrand. Denn der Langzeitstau auf der Schiene ist politisch gemacht. Vor allem, weil in der Region ein rigider Sparkurs gefahren wird. Zum Beispiel beim Fahrplan: Nach wie vor klagen Fahrgäste über die Einsparung von Zügen auf der Nordbahn und auf der Südstrecke Gloggnitz-Ternitz-Wiener Neustadt-Leobersdorf. Ab Dezember soll dann auch die Innere Aspangbahn an Samstagen, Sonn- und Feiertagen komplett eingestellt werden. Gleichzeitig fehlt es da und dort am Takt: Betroffene ärgern sich über einen neuen Fahrplanentwurf für die Innere Westbahn, der ab Dezember 2009 für Regionalzüge zusätzliche Halte bis zu 10 Minuten vorsieht, was zu deutlich längeren Fahrzeiten zwischen Wien und St. Pölten führt. In den Wienerwald-Gemeinden hält sich die Begeisterung in Grenzen.

TAKTLOSE NOSTALGIE
Auch bei den Bahnprojekten in der Region staut es gewaltig. Während wir den Artikel texten, berichtet der "Standard", dass der Ausbau der Schleife Selzthal, der Pottendorfer Linie, der Strecken Floridsdorf-Stockerau und Götzendorf-Parndorf zurückgefahren wird, was umgehend von ÖBB-Holding-Chef Peter Klugar dementiert wird, der an den Investitionen des Rahmenplans nicht rütteln will, aber nebenbei daran erinnert, dass die oben erwähnten Strecken gar nicht Teil des derzeitigen Ausbauprogramms sind.
Im Klartext heißt das: Jetzt ist sicher, dass der durchgehend zweigleisige Ausbau der Pottendorfer Linie von Wien-Meidling über Ebenfurth nach Wiener Neustadt endgültig ganz nach hinten gereiht ist.
Von einem anderen Südbahn-Entlastungsprojekt wird überhaupt nicht mehr die Rede sein: Auf der Inneren Aspangbahn von Sollenau über Traiskirchen nach Wien, die zweigleisig ausgebaut eine tolle Alternative
für AutopendlerInnen wäre, werden über kurz oder lang nur mehr die Nostalgiezüge der Eisenbahnfreunde verkehren. Die jedenfalls sollten gesteckt voll sein.
Den ultimativen Sympathie-Stau im Regionalzug haben die ÖBB allerdings mit der Tariferhöhung ab 1. Juli dieses Jahres erreicht. Diese bringt 200.000 PendlerInnen in der Ostregion im Schnitt vier Prozent Mehrkosten am Weg zur Arbeit. Die 100.000 BahnbenützerInnen, die in den Außenzonen unterwegs sind, müssen sogar sechs Prozent mehr zahlen. Während die ÖBB Zugverbindungen streichen und Kosten senken und dabei auf die notwendige Wirtschaftlichkeit verweisen, werden für die Kunden die
Kosten erhöht, was für AK-Präsident Herbert Tumpel "gerade jetzt, in der Krise, wo immer mehr Familien von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffen sind, genau der falsche Weg" ist. Die AK kann weitere Streichungen im regionalen Bahnangebot nicht akzeptieren, auch wenn diese aufgrund mehr als knapper Budgetmittel nachvollziehbar sind.
Rainer Juch ist Mitarbeiter der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien.
Dipl.Geogr. Thomas Kronister ist Geograf und Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftspolitik in der AK Niederösterreich.
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